Hannakolumna's Blog











{September 27, 2012}   Aus dem Alltag eines Tierpflegers …

Mein zweiter Tag als Freiwillige im Territory Wildlife Park beginnt in aller Fruehe. Es ist noch dunkel, als mich mein Handywecker um halb fuenf weckt, noch dunkel, als ich mich aus dem Zelt quaele und, die Taschenlampe fest in der Hand (es wurden viele Schlangen gesichtet in letzter Zeit) zu den Waschraeumen stapfe.

Auch, als ich um zehn vor sechs beim Vet Centre einbiege (diesmal gluecklicherweise auf Anhieb), ist es noch stockfinster. Eine Rangerin radelt zur selben Zeit in die Einfahrt und begruesst mich freundlich. Es ist Nat, die ich letztes Jahr bei der Flugshow am Bird Deck gesehen habe und die mittlerweile zum Monsoon Forest-Team gewechselt hat. Sie nimmt mich im Jeep zur Monsoon Forest-Station mit und meint gaehnend, sie sei ja eigentlich keine Fruehaufsteherin, aber man gewoehne sich dran. Im Gegensatz zu den anderen Teams beginnt der Tag im Monsoon Forest so frueh, da mehrere grosse Volieren zu betreuen sind, und die Voegel speisen gerne frueh. Der Rest des Teams, Greg und Kate, sind auch schon da, und es geht gleich los. In der „Vogelkueche“ sind schon mehrere Tablette und Naepfe aufgebaut, und eine grosse Tafel an der Wand gibt Aufschluss, welche Speisen in welche Naepfe fuer welche Volieren bestimmt sind. Koerner-/Salatmischung, Fruchtsalat, Hackfleischmischung und Meeresfruechte/Fisch stehen auf dem Speiseplan, ausserdem zuckende Mehlwuermer. Kate beginnt gleich, die Naepfe in Windeseile zu fuellen, den Ruecken zur Tafel. Sie ist schon fuenf Jahre hier und kennt die Verteilung auswendig. Nat und Greg stapeln die Naepfe flugs auf den Tabletts, die in besonderer Reihenfolge in das Waegelchen gestapelt werden, und im Handumdrehen ist das Fruehstueck fertig. Nat und ich schnappen uns den Servierwagen und ziehen zur grossen Fruehstuecksfuetterrunde los.

Nat ist eine grosse, blonde Frau, die mir bei der Vogelschau mit ihrer ruhigen Art und ihrem offensichtlichen Haendchen fuer die grossen Raubvoegel beeindruckt hat. Sie plaudert aber gleich drauflos und verraet, dass sie die Arbeit mit den Raubvoegeln vermisst, aber angefangen hat, auch im Monsoon Forest mit ein paar Voegeln zu arbeiten und kleinere Programmpunkte auszuarbeiten. Sie hat lange Jahre in der Gastronomie gearbeitet, bis sie ueber Umwege und dank ihres breit gefaecherten Studiums (Applied Sciences) einen Job im Verkaufsbereich eines Reservats bekam und sich dort nach und nach um verletzte Koalas kuemmerte.

Wir schieben das Waegelchen vor die erste Voliere und nehmen die Futternaepfe vom obersten Tablett. Wir stapfen durch das grosse Gelaende und tauschen die alten Naepfe mit dem Fruehstueck aus. Mehrere Enten umringen uns neugierig, und eine weisse Taube mit ulkigem Federschmuck beaeugt uns von oben, waehrend ich die Tabletts und alten Naepfe kurz abspuele und Wasser in die Tabletts fuelle, auf denen sich Hackfleischmix befindet. Das soll die Ameisten abhalten, sich auf das begehrte Fleisch zu stuerzen. Das nicht verzehrte Futter kippen wir hinter die Volieren in die Vegetation, wo sich schon ein paar Wallabies und einige der schwarzweissen Ibisse, die man in ganz Australien zahlreich antrifft, erwartungsvoll versammelt haben.

Nat zeigt mir eine neue Beobachtungsplattform und frisch gepflanztes Gruen um den Teich. Darin schwimmen ca. 20 Schildkroeten, die in der Morgendaemmerung aber noch nicht auszumachen sind; das Wasser ist still und dunkel.

In der naechsten Voliere sitzt ein Tawny Frogmouth (Eulenschwalm) auf einem Ast und reckt den Schnabel hoch; imitiert, seinem Ruf gerecht, einen Aststumpf. Mit seinem braungestreiften Gefieder ist er tatsaechlich kaum auszumachen, auch auf kuerzeste Entfernung. „Das ist Mumbles“, stellt ihn mir Nat vor und krault seinen Hals. Ich tue es ihr gleich, und er reckt seinen kurzen breiten Schnabel voller Behagen hoch und blinzelt schlaefrig mit den Augen. Wir gehen durch eine Gittertuer in den Nebenraum der Voliere, wo ein Schwarm quietschbunter Lorikeets unter lautem Gekreische sein Unwesen treibt. „Zaehl sie mal, wenn du kannst“, bittet mich Nat, „es sollten 17 sein.“ Das ist garnicht so einfach, weil die kleinen Papageien sich offensichtlich sehr auf Koerner, Fruechte und Nektar freuen und aufgeregt von Baum zu Baum flattern. „Das ist Scarface“, meint Nat, als sich einer der leuchtendgruenen Lorikeets auf meiner Schulter niederlaesst. „Er liebte neue Leute. Aber Vorsicht, er hackt ganz gerne.“ Der Vogel mit dem Mafia-Namen hat tatsaechlich eine Narbe unter einem Auge und versucht auch gleich, mir unter forschem Hacken in Hals und Wange den gleichen Spitznamen zu verpassen. Als ich 17 Lorikeets gezaehlt habe und Scarface immer zudringlicher wird, schuettele ich ihn ab und wir machen uns auf den Weg zur naechsten Voliere.

Dort tauschen wir wieder Futternaepfe und Wasser aus, und Nat zeigt mir die einzelnen Vogelarten und erklaert Interessantes zu Verhalten, Habitat etc. Ein Paar Curlews (eine Art Weidevogel) nistet in der Naehe der Futternaepfe und droht mir mit geoffneten Fluegeln und kurzen Sprints. Es sind auch ein paar Drachenechsen in der Voliere, aber da es noch so frueh und relativ kuehl ist, sind sie noch nicht herausgekrochen. Wir versuchen, so viele Voegel wie moeglich auszumachen, aber dank der Groesse des Geheges und der vielen Pflanzen ist das nicht ganz einfach. Nat erklaert, dass sie sich die Voegel merkt, die matt und kraenklich erscheinen, und bei der naechsten Fuetterung nach ihnen Ausschau haelt.

Nachdem wir alle Volieren abgeklappert haben, ist es Zeit fuer den ersten Ranger Talk bei den Pelikanen am Billabong. Wir lassen den Servierwagen stehen und schnappen uns einen grossen Eimer voller Fische.  Am Eingangshaeuschen des Monsoon Forests ist eine Tropengewittersimulation installiert, und Nat macht einen grossen Schritt ueber den Bewegungsmelder. Ich schalte zu spaet und trete genau in den Strahl, und lauter Donner ertoent, begleitet von Regenprasseln und lautem Froschgequake. Die ersten Besucher, die um die Ecke biegen, schauen interessiert rueber.

Der Eimer voller Fische ist schwer, und wir wechseln uns beim Tragen ab. Am Billabong warten bereits eine grosse Zahl Besucher, und auch die Pelikane schwimmen erwartungsvoll um den Bootssteg. Nat und ich kaempfen uns durch die Menge. Sie begruesst die Zuschauer freundlich, stellt mich vor, und fragt, ob es noch weitere Besucher von weit her gibt. Dann erklaert sie Flora und Fauna der tropischen Feuchtgebiete, erzaehlt von den Nisterfolgen der hier lebenden Pelikane (letztes Jahr wurden zum ersten Mal zwei Junge grossgezogen), und was in den dunklen Gewaessern noch so lauern kann. Das hier lebende Suesswasserkrokodil steckt in diesem Moment publikumswirksam seine lange, duenne Schnauze aus dem Wasser, und die Meute juchzt begeistert.

Dann ist es Zeit fuer die Fuetterung; die Pelikane glucksen schon eine Weile auffordernd und treten auf ihren grossen Fuessen umher, oeffnen die Schnaebel und blaehen die Kehlsaecke. Nat und ich greifen uns Fische und werfen sie den Voegeln zu; die klappen ihre Maeuler weit auf und fangen die Beute im Schnabel. Haeufig wird dann eine Weile hin- und hermanoevriert, bevor sie den Kopf zuruecklegen und den Fisch schlucken. Nat erklaert, dass der Fisch Kopf voraus geschluckt werden muss, und demonstriert anhand eines schluepfrigen Fisches, warum: die Flossen weisen Stacheln auf, die sich beim Rueckwaertsschlucken aufrichten.

Nach der Fuetterung schnappen wir uns den leeren Eimer und stapfen zurueck zum Hauptquartier. Dabei stellen wir fest, dass Pelikane unsere Lieblingsvoegel sind, und Nat empfiehlt mir, „Storm Boy“ anzuschauen. „Du wirst Rotz und Wasser heulen“, verspricht sie, und erzaehlt, dass sie Jahre, nachdem der Film gedreht wurde, mit den Filmpelikanen arbeiten durfte und ganz „starstruck“ war.

In der Fruehstueckspause trinken wir Tee und Kaffee und Milo, ein beliebtes Schokomalzgetraenk. Nat, Greg und Kate tauschen sich ueber Besonderheiten beim Fuettern und Morgencheck aus, dann geht es weiter. Ich soll mit Kate zum Vet Centre fahren und das Futter fuer den naechsten Tag vorbereiten. „Der spannendste Teil des Tages“, meint Kate, und zwinkert mir ironisch zu. Wir springen in den Jeep und rattern ueber die steinigen Hinterstrassen des Parks zu den Aussengebaeuden, wo sich Vorratsraeume und Krankenstation befinden. Im Kuehlraum waehlen wir Salat, Melonen, Suesskartoffeln und Aepfel und Birnen aus und machen uns im Vorraum, der an eine Grossraumkueche erinnert, ans Schnippeln und Raspeln. Ich schneide den Salat ganz fein, waehrend Kate bedauert, dass es heute keinen Pok Choi gibt. Der asiatische Kohl ist zarter als der Salat, und sie macht sich Sorgen, dass die waehlerischen Voegel das grobere Gruen vielleicht verschmaehen. Dem kleingeschredderten Salat fuege ich Suesskartoffel zu, die auf einer Reibe zerkleinert wird, und damit ist der erste Menuepunkt abgehakt. Ich darf mit dem Fleischmix beginnen, waehrend Kate mit geuebter Hand Fruchtsalat aus Melonen, Birnen und Aepfeln zubereitet. In meinen Topf kommen neben Getreide und ein paar Vitaminzusaetzen kleingeraspelte harte Eier und ein paar Brocken Hackfleisch mit einem ordentlichen Schuss Blut. Dann geht es ans Kneten, und ich versenke meine Haende tief in die Masse, die bald klumpig und feucht wird und sich von selbst zu bewegen scheint. „Die Konsistenz muss wie Streusel aussehen, massiere die Hackfleichkluempchen richtig gut durch, das kann eine Weile dauern“, raet mir Kate.

Waehrenddessen ist geschaeftiges Kommen und Gehen, mehrere Ranger holen Essen aus den Vorratskammern oder fuellen Schraenke auf. Ein staemmiger Ranger grinst mir zu, als ich mich vorstelle: „Wir haben uns gestern schon gesehen; du bist doch die, die sich im Park verfahren hat?“ Diesen Spruch hoere ich in der naechsten Stunde noch zweimal und frage mich allmaehlich, wie viele Leute in dem Auto sassen, das mir auf meiner Irrfahrt begegnet ist. Aber es heisst ja „all press is good press“, und so habe ich mich wenigstens in Erinnerung gebracht. 😉

Wir holen noch eine Taube aus der Krankenstation, die sich in Panik den Kopf angestossen hat, als ein Raubvogel direkt ueber der Voliere gierig seine Schleife drehte, und fahren zurueck zur Rangerstation. Kate ist eine richtige Klatschtante und quetscht mich ordentlich aus. Als ich erzaehle, dass ich im Zelt wohne, lacht sie droehnend.

Mittlerweile ist Zeit fuers Mittagessen, und wir setzen uns um den runden Tisch und packen Sandwiches und andere Leckereien aus. Auf dem Weg haben wir einen heimischen Baum mit dunklen Beeren entdeckt, der zur Bluetezeit wohl einen fauligen Fleischgeruch verstroemt, und ueberlegen uns, ob die Beeren wohl der frisch gelieferten Fruchttaube munden moegen, die im Bueroraum in Quarantaene ist. Sie ist ziemlich waehlerisch und stuerzt sich zwar auf die Blaubeeren, laesst aber die restlichen Fruechte im Napf noch links liegen. Die Beeren sind blau und duften erfrischend, und wir schlagen erstmal im grossen Pflanzenbuch nach, das auf dem Tisch liegt. Gesucht, gefunden, und unter „other uses“ lesen wir, dass die Aborigines die Beeren gerne essen, also probieren Greg, Kate und ich gleich eine. Es ist  nur eine duenne Fruchtschicht zwischen Schale und dem verhaeltnismaessig grossen Kern, und der Geschmack ist ziemlich nichtssagend, aber da die Fruechte so den Blaubeeren aehneln, probieren wir doch unser Glueck mit der Taube.

Nat, die ihr beigebracht hat, auf ihren Finger zu huepfen, nutzt die Gelegenheit, ihr gleich ein paar weitere Tricks beizubringen. Sie klopft geduldig auf ihren Zeigefinger, bis die Taube, die ihr Gesichtchen immer neugierig zu ihr dreht und weiter am Arm entlanghuepft, zur Fingerspitze tippelt, wo sie gleich mit der neuen Beere belohnt wird. Kate, Greg und ich halten den Atem an und brechen in – verhaltenen – Beifall aus, als das zierliche Tier die blaue Beere in den Schnabel nimmt. Die Frucht ist gross und der Schnabel ist klein, aber unter einiger Anstrengung verschwindet die Beere langsam durch den Schlund. Die Taube isst noch zwei weitere Beeren, dann ist sie satt. Experiment gelungen, der Speiseplan wurde um 50% erweitert!

Nach dem allseitigen Mittagessen holt Nat Mumbles fuer einen Ranger Talk aus dem Kaefig, und ich ziehe mit Kate zur Nachmittagsfuetterung los, die weit weniger umfangreich ist. Wir tauschen lediglich einige Fressnaepfe aus. An einem Gehege mit grossem Teich holt Kate einen Haufen kleiner Fische und ein paar kleingehackte Kueken hervor. Die zwei Wassermonitore (Merten’s Water Monitor) bekommen ihr Mittagessen! Waehrend sich Besucher an der Glasscheibe die Gesichter platt druecken, stapfen wir hinter die Umzaeunung und werfen Haeppchen ins Wasser. Die Monitore werden wild; sie scheinen nicht nur sehr hungrig, sondern auch aeusserst territorial zu sein, und balgen und schnappen nacheinander, die schlanken Koerper mit den langen Haelsen umeinander gewunden. Schnell wirft Kate die Beute etwas weiter entfernt ins Wasser, um die Raufbolde zu trennen, und ich bewundere die schoene gruene Reptilienhaut mit den hellen Flecken, die in der Sonne schimmert.

Es leben auch drei Schlangen im Monsoon Forest, fuer die eine Schale mit – toten – Maeusen bestimmt ist. Die ersten beiden – Taipan und Western Brown Snake – sind hochgiftig, und nachdem Kate sich vergewissert hat, dass die Schlangen sich am anderen Ende des Terrariums befinden, oeffnet sie die Glastuer nur einen Spalt und wirft die Maeuse rasch hinein. Ich bin ueberrascht, dass sie keine lebenden Maeuse bekommen, und sie erklaert, dass das in gesetzlichen Einrichtungen (Tierparks) verboten sei. In Gefangenschaft lebende Schlangen gewoehnen sich aber rasch an das tote Futter. Und tatsaechlich, die Brown Snake verspeist bereits die erste Maus, und auch der Taipan kommt interessiert naehergekrochen.

Die letzte Schlange ist eine huebsche Golden Tree Snake, ungiftig, und ich darf sie mit den kleinen nackten Babymaeusen fuettern, die noch im Futternapf verblieben sind. Kate klemmt die erste Maus in eine grosse Grillzange, oeffnet die Terrariumtuer weit und macht es vor: Die Grillzange wird, der Maeusekopf appetitlich vorne herausbaumelnd, weit in das Terrarium hineingesteckt, bis knapp vor die Schnauze der Baumschlange, die sich grazios um ihren Ast gewickelt hat und schon freudig vor sich hinzuengelt.

Es ist eigentlich ganz einfach: man zittert etwas mit dem Mausekopf vor dem Maul herum, die Schlange biegt sich in S-Form und stoesst dann blitzschnell zu, man oeffnet die Zange und schnapp, schnapp, schnapp, ist das Mausebaby verschwunden! Das klappt auch ganz gut, aber nach zwei Maeusen ist der groesste Hunger offensichtlich gestillt, und ich wackele so lange mit der dritten herum, dass sie mir zweimal runterfaellt und ich sie mit der Zange aus der Vegetation fischen muss. Schliesslich ist auch die dritte im Magen der Schlange verschwunden, und wir beobachten noch ein wenig den Taipan, der eine wesentlich groessere Maus verschluckt hat und diese nur mit den Muskeln langsam nach unten arbeitet. Beeindruckend! Kate erzaehlt, dass Taipane hier oben recht selten seien; die meisten sind in Queensland um die Zuckerrohrplantagen zu finden.

Damit ist der Arbeitstag im Monsoon Forest eigentlich auch schon zu Ende; da bereits um 6 Uhr frueh begonnen wird, ist um 14 Uhr Feierabend. Ich verabschiede mich von Kate und Greg, die sich fuer meine Mitarbeit bedanken, und fahre mit Nat zurueck zum Vet Centre.

Dann habe ich zwei Stunden Zeit bis zum Treffen mit den Diploma-Studenten aus dem hoeheren Semester, die diese Woche im Park Tiere zaehlen und Fallen aufgestellt haben. Abends sollen Erhebungen mit Taschenlampen durchgefuehrt werden, und wer von uns Cert. III-Studenten im niedrigeren Semester Lust hat, darf teilnehmen.

Busfahrer Luke nimmt mich in seinem Shuttlebus einmal um den Park mit zur Goose Lagoon, der einzigen Stelle im Park, die ich noch nicht kenne. Jetzt zu Ende der Trockenzeit befinden sich hier Scharen wilder Pelikane und anderer Wasservoegel, und ein huebscher Spaziergang (Paperbark Walk) fuehrt zu einer Aussichtsplattform am Rand des Sees, wo ich eine Weile stehe und dem Treiben zusehe. Eine Schwar Pelikane schwimmt majestaetisch von Ufer zu Ufer, Enten und Gaense ziehen, ein paar flauschige Kueken im Schlepptau, munter ihre Kreise, und am Himmel schweben die unvermeidlichen Raubvoegel. Kein anderer Besucher hat sich hierher verirrt, und ich geniesse die friedliche Stimmung von meinem schattigen Plaetzchen aus.

Um vier treffe ich unsere Lektorin Tracy mit einer Handvoll Studenten aus meinem Jahrgang. Sie packt mich in den Uni-Jeep, und wir fahren zum verabredeten Treffpunkt zu einer der Hinterstrassen des Parks, wo die Diploma-Studenten in ihren Autos schon auf uns warten. Sie sind seit Montag mit den Untersuchungen beschaeftigt; haben ein kleines Haeuschen am Rande des Parks in Beschlag genommen und fuehren zu jeder Tages- und Nachtzeit Zaehlungen durch. Alle sehen etwas muede aus.

Wir trennen uns, um in zwei Gruppen Zaehlungen innerhalb von zwei Untersuchungsquadraten von je 500 Quadratmetern durchzufuehren. Eine Diploma-Studentin mit grauen Haaren und jungem Gesicht hat die Vogelzaehlung in unserer Gruppe vorbereitet und erklaert das Vorgehen. Wir schreiten an einer Reihe gekennzeichneter Baeume in die Vegetation ein, bleiben dann in einem lockeren Kreis stehen, verhalten uns still und notieren alle Voegel, die wir um Umkreis von 25 Metern sehen. Die Identifizierung faellt uns nicht ganz einfach, besonders Diego und mir als Europaern nicht, die sich noch nicht so gut mit der heimischen Vogelwelt auskennen, aber wir sind bewaffnet mit Fernglaesern und Vogelbuechern und mit Andrew ‚Gandalf‘, unserem weisen Dozenten mit dem langen weissen Zaubererbart. Er erkennt viele der Voegel schon anhand der Stimmen, und so notieren wir verschiedene Papageienarten und viele weitere Voegel und lernen allerhand. Auch Schmetterlinge und andere Tiere werden als „Vorfaelle“ im Formular festgehalten. So arbeiten wir uns mit vielen Pausen durch das Gelaende vor; suchen die umliegenden Baeume mit unseren Fernglaesern ab und scannen den Himmel mit blossem Auge. Ich bin ein wenig stolz, als ich als erste ein Paar Gelbhaubenkakadus entdecke, die in typisch trunkenen Flug ueber unsere Koepfe ziehen.

Nach der Vogelerhebung ist es spaeter Nachmittag und Zeit, die zwanzig Fallen zu fuellen, die die Diploma-Studenten im Gelaende verteilt haben. Die meisten der Fallen sind lange schmale Stahlbehaelter (Elliot Traps), die mich als Tier eher abschrecken wuerden, auch wenn John, einer der Diplomastudenten, sie liebevoll mit Laub abdeckt. Wir bestuecken sie mit selbstgemachten Koedern aus Erdnussbutter, Honig und Haferflocken, die appetitlich duften. In die groesseren Klappenfallen kommen zwei oder drei Muesliknoedel. Wir achten darauf, dass sich die Fallen im Schatten befinden werden, wenn die Sonne herauskommt, damit die evtl. gefangenen Saeugetiere (Quolls oder Oppossums oder kleine Beuteltiere) nicht gekocht werden, bis die Studenten sie im Laufe des Morgens checken.

Danach werden wir in die Autos verladen, um uns am Haus der Diploma-Studenten mit Pizza zu staerken, bevor die Nachterhebung beginnt. Mir gegenueber sitzt ein Maedchen, dessen Gesicht mir bekannt vorkommt, und tatsaechlich meint sie:“Hast du nicht heute im Park ausgeholfen?“ Sie arbeitet dort auch gerade nebenher, und fragt gleich, ob ich diejenige sei, die sich gestern im Park verirrt habe. Hmpf. Gleich danach meint sie aber, sie habe nur Gutes von mir gehoert, meine Betreuer haetten mich sehr gelobt und gemeint, ich habe ordentlich mitgeholfen und viel gelernt. Das waermt das hoffnungsfrohe Anwaerterherz!

Die Pizza ist reichlich und wir verzehren sie mit hochwillkommener eisgekuehlter Cola im Garten, waehrend langsam die Daemmerung einbricht. Ich unterhalte mich mit Waleve, einer der Dozentinnen, ueber das naechste Semester, und sie fragt mich, ob ich weitermachen werde. Ich moechte schon, meine ich, und sie bestaerkt mich:“Unbedingt! Du bist eine sehr gute Studentin, wir benutzen deine Berichte als Beispiel im Diplomakurs!“ Das waermt dann auch mein hoffnungsfrohes Studentenherz, und sie erzaehlt, dass sich auch Sarah, die Freiwilligenkoordinatorin des Parks, positiv ueber mich geaeussert haette, und dass sie ihre meine Berichte weiterleiten wird. Hurra! Wir reden noch ein wenig ueber Jobs und Zertifikate, und Andrew, Tracy und Waleve raten mir, den „heavy rigid“-Truck-Fuehrerschein zu machen, mit dem ich auf einer der vielen Baustellen hier sicher einen Job finden werde. Ich erinner mich an Martin aus Irland, der als Truckfahrer sogar gesponsert werden sollte, und beschliesse, mich dahinterzuklemmen. Mit meinem normalen PKW-Fuehrerschein muss ich wohl nur eine Pruefung ablegen, um den Zusatz zu bekommen.

Als es vollstaendig dunkel ist, teilen wir uns wieder auf die Autos auf und fahren an verschiedene Ecken des Parks, um in kleinen Gruppen und mit Taschenlampen bewaffnet Tiersichtungen festzuhalten. Ich ziehe mit Reina und Diego los, einen dunklen Feldweg entlang, und wir leuchten mit unseren Lampen in das Gestruepp und sehen erstmal garnichts. Erst nach einer Weile entdecken wir einige Fledermaeuse, hoeren Voegelgezwitscher, und eine Motte fliegt mir ins Gesicht. Ich halte alles ordentlich auf meinem Formular fest, auch die Wallabies, deren Schwanzspitze unser Licht gerade noch so erhascht. Auf dem Rueckweg haelt Reina ploetzlich inne und gebietet mit einer Handbewegung Einhalt. Wir lauschen und hoeren Geraschel im Gebuesch; Reina ist sicher, dass es ein wilder Hund ist.

Am Auto treffen wir auf die anderen, die uns einige Spinnen- und Geckofotos zeigen, und JB entdeckt noch eine weitere, gut getarnte Wolfsspinne an einem Baum neben dem Auto.

Dann geht es nach Hause, und es ist nach neun, als ich voellig verschwitzt unter die Dusche springe. Neben meinem Zelt haben sich neue Nachbarn niedergelassen; zwei aeltere Maenner, die neben ihrem Anhaenger mit Motorboot Bier trinken. Die beiden sind aus Queensland und fangen hier am Montag einen neuen Job als Truckfahrer an. Gute Kontakte fuer meinen neuen Plan! Die beiden heissen Steve und Danny und fragen mich gleich, ob ich Hanna sei. Ich bin etwas ueberrascht, und sie meinen, die Dame am Empfang habe ihnen gesagt, ich sei ein nettes Maedel und eine gute Nachbarin. Das ueberrascht mich nicht, da um mich herum lauter laermende, Naechte durchsaufende franzoesische Backpacker zelten, ueber die sich alle schon beschwert haben … 😉 Steve und Danny sind sehr nett und wir unterhalten uns ueber das Fischen (dazu das Boot), die Regenzeit und elektrischen Stuerme hier im Norden. Die beiden meinen, sie wuerden mir ein paar Paletten mitbringen, auf die ich mein Zelt stellen koenne, und dann wuerde ich auch die Regenzeit durchstehen.

Nach diesem langen Tag und den vielen positiven Rueckmeldungen krieche ich erschoepft in mein noch ebenerdiges Zelt und bin binnen Minuten eingeschlafen.



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